Wolhynien

Aus VolynWiki

Version vom 14. August 2014, 19:17 Uhr von Gerhard König (Diskussion | Beiträge)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Wolhynien, Wolynien, ukr. Волинь [wolin], russ. Волынь [wolyn], poln. Wołyń, eng. Volyn


1) Landschaft im Nordwesten der Ukraine, rund 65.000 km²; Zentrum Shitomir; das leichtwellige, durchschnittlich 200 m hohe, großenteils bewaldete Land fällt nach Norden hin zu den Pripjat-Sümpfen ab; im Süden fruchtbare Schwarzerde, vorwiegend Weizenanbau; gilt als Urheimat der Slawen.[1]


Oblast Wolhynien, ukr. Волинська область [wolynska oblast], russ. Волынская о́бласть [wolynskaja oblast], poln. Obwód wołyński[2]


2) Oblast Wolhynien, Verwaltungseinheit im Nordwesten der Ukraine, 20.200 km², 1,07 Millionen Einwohner; Hauptstadt Luzk; ausgedehnte Wälder, im Norden die Pripjat-Sümpfe ; Kartoffel- und Roggenanbau, Mühlen, Sägewerke, Ziegeleien. (1995)


In Meyers Konversationslexikon von 1888[3] heißt es:

Wolhynien russ. Gouvernement, grenzt an die Gouvernements Grodno, Minsk, Kiew, Podolien, Lublin
und Sjedlez, Österreichisch-Galizien und umfaßt 71.737 km². Das Land ist im nördlichen Teil
durchgehends eben und in einzelnen Teilen sumpfig, wird im Süden in verschiedenen Richtungen
von Ausläufern der Karpathen durchzogen, deren Höhen 370-400 m erreichen, und auf denen
viele Flüsse entspringen, so vornehmlich die Turia, der Styr, Goryn, Slutsch,
Teterew nach Norden und der Sbrutsch nach Süden.

Im nördlichen, mit dichten Waldungen besetzten Teil erheben sich zwischen Sümpfen Sandstrecken
in Gestalt kahler, länglicher Hügel. Der größte ununterbrochene Sumpf erstreckt sich von der
Grenze des Grodnoschen Gouvernements bis zum Fluß Pripet in einer Ausdehnung
von 1.000 km² und ist völlig unzugänglich. Größere Ströme fehlen gänzlich. 

Der nördliche Teil des Gouvernements führt den Namen Polesje und hat zahlreiche
kleine Seen. Unter den Steinarten im südlichen, höhern Teil Wolhyniens nimmt rötlicher Granit
die erste Stelle ein; in den Niederungen herrscht die Kreideformation vor. Zu den mineralischen
Reichtümern gehören: Porzellanerde, Töpferthon, Braunkohle, Sumpfeisen, gute Bausteine und
gelber Bernstein, der auf dem Gut Dombrowizy in der Nähe von Dubno gefunden wird.

Das Klima ist gemäßigt und mild. Vom Areal entfallen 37,5 Prozent auf Acker, 32 auf Wald, 18,2
auf Wiese und Weide, 12,3 Prozent auf Unland. Das Pflanzenreich liefert die gewöhnlichen
Getreidearten, Runkelrüben, Tabak, Ölgewächse, Hopfen, Hülsenfrüchte und Obst. Die Ernte
war 1887: 5,4 Mill. hl Roggen, 4,1 Mill. hl Hafer, 3 Mill. hl Kartoffeln, 2 Mill. hl Weizen,
1,4 Mill. hl Gerste, 0,6 Mill. hl Buchweizen, andre Cerealien und Hülsenfrüchte in geringerer
Menge. 

Die Waldungen bestehen mehr aus Nadel- als aus Laubholz (darunter viel Eichen, die schönes
Schiffbauholz liefern). Das Tierreich bietet außer den gewöhnlichen Haustieren viel Wild,
Geflügel, Bienen und Fische. Der Viehstand ist sehr ansehnlich; er bezifferte sich 1883 auf
655.039 Stück Rindvieh, 506.063 Pferde, 571.484 grobwollige, 123.359 feinwollige Schafe,
481.713 Schweine. 

Die Bevölkerung, 1885: 2.196.049 Einw. (30 pro km²), ist sehr gemischt und besteht
vorzugsweise aus Rußniaken (Ruthenen), Polen, Klein- und Großrussen, Juden, Litauern und
wenigen Tataren. Die Zahl der Eheschließungen betrug 1885: 21.736, der Gebornen 109.641,
der Gestorbenen 72.860. Der Religion nach gehören sie meist der orthodox-griechischen Kirche
an, außerdem zählt man 200.000 Katholiken und ebenso viele Juden sowie einige Evangelische
und Mohammedaner. Der größte Teil des Adels und ein Teil der Bürger sind Polen. 

Haupterwerbsquellen sind: Ackerbau, besonders im Süden, Viehzucht (gegenwärtig in Verfall),
Waldkultur im Norden (mit reichem Gewinn von Bauholz, Pech, Teer und Pottasche), Bienen-
zucht, Fischerei und Jagd (auch auf Bären, die in großer Zahl in den ungeheuern Wäldern
vorkommen). Die Industrie steht noch auf einer niedrigen Stufe. Man zählte 1884: 806 Fabriken
mit 10.118 Arbeitern und einem Produktionswert von 18,8 Mill. Rubel. Die wichtigsten Industrien
sind: Branntweinbrennerei (7,6 Mill. Rub.), Zuckerfabrikation (5,3 Mill. Rub.) und -Raffinerie
(2,6 Mill. Rub.). In der Kampagne 1886-87 wurden in 10 Fabriken 32.760 Doppelztr. raffinierter
Zucker und 271.600 Doppelztr. weißer Sandzucker produziert. Der Handel vertreibt besonders
Getreide (nach Odessa, Galizien, Polen und über Pinsk nach Preußen), Vieh, Häute, Hörner,
Wolle (nach Galizien und Polen), Honig, Wachs, Equipagen und Bauholz, das nach Warschau
und Danzig geflößt wird. Die wichtigsten Handelsplätze sind: Dubno, Shitomir, Ostrog
und Radziwilow.

Der Mangel an guten Heerstraßen, zumal im Norden W.s, ist sehr fühlbar; jetzt führt die
Eisenbahn von Brest-Litowsk durch das Gouvernement nach Berditschew, mit einer Zweigbahn
über Radzywilow nach Brody in Österreich. Das Gouvernement zerfällt in 12
Kreise: Dubno, Kowel, Kremenez, Luzk, Nowgorod Wolynsk, Ostrog,
Owrutsch, Rowno, Sasslaw, Shitomir, Staro-Konstantinow und Wladimir-Wolynsk. 

An Unterrichtsanstalten hat W. (1885) 1157 Elementarschulen mit 40.088 Schülern, 12 Mittel-
schulen mit 2.864 Schülern und 6 Fachschulen mit 653 Schülern. W. gehörte schon seit dem
9. Jahrh. dem Rurikschen Haus, bildete in ältester Zeit einen Teil von Rotrußland und wurde 1074
mit Polen vereinigt. 1320 begannen die litauischen Fürsten ihre Herrschaft über W. zu begründen
und haben dieselbe zuletzt durch die Heirat Ljubarts, des Sohns Gedimins, mit der Schwester des
Jurij Danilowitsch 1335 befestigt. 1569 fiel W. wieder mit ganz Litauen an Polen zurück, und bei
der zweiten und dritten Teilung Polens kam es mit Ausnahme weniger Ortschaften, die Galizien,
resp. Österreich gewann, an Rußland. Dieses bildete aus der bisherigen polnischen Woiwodschaft
W. und einem Teil der alten Woiwodschaft Kiew 1797 das jetzige Gouvernement.[3]


Links:


Quellen:

  1. Bertelsmann Neues Lexikon in 10 Bänden, Gütersloh 1995
  2. Wikipediaseiten zu Wolhynien in den verschiedenen Sprachen
  3. a b Meyers Konversationslexikon, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, 4. Auflage, 1885-1892, Seiten 731 - 732



VolynWiki: Startseite / Allgemeine Begriffe / W